In diesem Gastbeitrag berichtet die Studentin Chantal S. aus dem viertägigen Seminar „Harmlose Kraft“, geleitet von Anna Hielscher an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Sommersemester 2026. Danke für diese Einblicke und Reflexionen!
In dem Seminar beschäftigten wir uns mit verschiedenen Übungen, die uns dazu bringen sollten, bewusster wahrzunehmen, Vertrauen aufzubauen und unsere eigenen Grenzen kennenzulernen. An einem Seminartag hatten wir die Aufgabe, selbst eine ungefähr 45-minütige Einheit zu planen und anzuleiten. In einer Dreiergruppe mussten dafür einen Zeitplan erstellen und diesen anschließend abgeben. Unsere Idee war es, einen Barfußpfad im Seminarraum zu gestalten.
Zu Beginn war ich sehr unsicher, ob wir die geplante Zeit überhaupt ausfüllen würden. Auch nachdem wir unseren Zeitplan erstellt hatten, blieb diese Sorge bestehen. Da wir noch nicht viel Erfahrung mit dem Anleiten von Übungen hatten, war es schwierig einzuschätzen, wie lange die einzelnen Teile tatsächlich dauern würden. Trotzdem mussten wir uns auf unsere Planung verlassen und die Verantwortung für die Gruppe übernehmen.
Am Anfang leitete ich das Jonglieren an, eine Tradition, die wir jeden Morgen im Seminar machten. Dafür hatte ich vier kleine Säckchen in verschiedenen Farben. Ich erklärte die Regeln und begann zunächst mit einem Säckchen. Nach und nach kam immer ein weiteres hinzu. Während des Anleitens vergaß ich plötzlich, welches Säckchen in welche Richtung geworfen werden sollte. Das war mir besonders unangenehm, weil ich in diesem Moment die anleitende Person war und eigentlich Sicherheit geben wollte. Meine Kommilitoninnen und Kommilitonen halfen mir jedoch, sodass wir gemeinsam herausfinden konnten, wie es weitergeht. Danach funktionierte es sofort wieder.
Diese Situation hat mir gezeigt, dass Fehler jedem passieren können. Wichtig ist nicht, einen Fehler unbedingt zu verstecken, sondern offen damit umzugehen und sich Unterstützung zu holen. Ich habe die Gruppe in diesem Moment mit einbezogen. Dadurch entstand eine Form von Zusammenarbeit, die ich vorher nicht geplant hatte. Für mich war es eine wichtige Erfahrung, dass eine anleitende Person nicht immer alles wissen oder perfekt machen muss.
Anschließend begann unser Barfußpfad. Dabei war uns wichtig, dass alle selbst entscheiden konnten, wie sie teilnehmen möchten. Die Teilnehmenden konnten entweder barfuß oder mit Socken mitmachen. Wer barfuß teilnehmen wollte, konnte sich vorher die Füße waschen. Diese Möglichkeiten waren uns wichtig, weil wir im Seminar gelernt hatten, dass ein sicherer Raum dadurch entsteht, dass Menschen Wahlmöglichkeiten bekommen und ihre eigenen Grenzen selbst bestimmen dürfen.
Für den Barfußpfad wurde die Gruppe aufgeteilt. Eine Gruppe ging vor die Tür und sollte nichts vom Aufbau sehen. Die andere Gruppe blieb im Raum und suchte verschiedene Materialien aus den großen Schränken aus. Dazu gehörten unter anderem Seile, Massagebälle, Balancierplatten, Tücher, kleine Säckchen, Holzblöcke, Fußmassierer aus Holz und Silikonteller mit Noppen. Die Gruppe im Raum durfte die Materialien selbst zu einem Weg zusammenlegen.
Anschließend wurden die Gruppen paarweise zusammengeführt. Eine Person schloss die Augen und wurde von einer sehenden Person durch den Barfußpfad geführt. Dabei durfte die Person, die nichts sehen konnte, selbst entscheiden, wie schnell sie gehen wollte und ob sie die andere Person festhalten wollte oder nicht. Danach wurden die Rollen getauscht. Am Ende tauschten wir uns darüber aus, ob die Teilnehmenden erraten konnten, welche Materialien sie unter ihren Füßen spürten und wie es sich angefühlt hatte, nichts sehen zu können.
Für mich hatte diese Übung einen starken Bezug zu „Harmlose Kraft / Harmlose Kunst“. Die Kraft in dieser Übung entstand nicht durch Druck, Zwang oder Kontrolle. Sie entstand durch Vertrauen und gegenseitige Rücksichtnahme. Die sehende Person hatte zwar eine wichtige Verantwortung, durfte aber nicht einfach über die andere Person bestimmen. Die Person mit geschlossenen Augen konnte selbst entscheiden, wie viel Nähe, Unterstützung und Sicherheit sie brauchte. Dadurch wurde deutlich, dass Begleitung nicht bedeutet, jemandem alles abzunehmen. Es bedeutet vielmehr, einen sicheren Rahmen zu schaffen und die andere Person trotzdem selbstbestimmt handeln zu lassen.
Für mein Studium der Sozialen Arbeit war diese Erfahrung besonders wertvoll. In der Sozialen Arbeit ist es wichtig, Menschen nicht einfach vorzugeben, was sie tun sollen. Stattdessen geht es darum, Vertrauen aufzubauen, zuzuhören, Wahlmöglichkeiten zu schaffen und die Selbstbestimmung der Menschen zu respektieren. Genau das habe ich bei unserer Übung selbst erfahren und gleichzeitig anderen ermöglicht.
Das Seminar hat mir außerdem gezeigt, dass Anleiten nicht bedeutet, immer perfekt sein zu müssen. Auch als anleitende Person darf man unsicher sein oder Fehler machen. Entscheidend ist, wie man mit diesen Situationen umgeht. Für meine spätere Arbeit in der Sozialen Arbeit nehme ich deshalb mit, dass eine gute Begleitung sowohl Verantwortung als auch Offenheit braucht. Manchmal kann eine „harmlose Kraft“ stärker sein als Druck oder Kontrolle. Nämlich dann, wenn sie durch Vertrauen, Sicherheit und gegenseitige Unterstützung entsteht.


