In diesem Gastbeitrag berichtet die Studentin Chantal S. aus dem viertägigen Seminar „Harmlose Kraft“, geleitet von Anna Hielscher an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Sommersemester 2026. Danke für diese Einblicke und Reflexionen!
Eine Übung aus dem Seminar ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, weil sie auf eine sehr einfache aber gleichzeitig ungewohnte Weise meinen normalen Alltag unterbrochen hat. Wir sollten gemeinsam langsam durch den Hochschulinnenhof gehen, ohne miteinander zu sprechen. Dabei sollten wir bewusst und uns hineinhorchen und unsere Aufmerksamkeit ganz auf unsere Umgebung richten. Besonders sollten wir auf den Boden schauen und wahrnehmen, was uns die Natur dort gibt.
Wir durften nur Dinge sammeln, die bereits lose auf dem Boden lagen. Es war ausdrücklich nicht erlaubt Pflanzen abzureißen oder der Natur etwas wegzunehmen. Auch Müll durften wir sammeln. So bewegten wir uns schweigend und sehr langsam durch den Innenhof. Zuerst fühlte sich diese Langsamkeit für mich ungewohnt an. Im Alltag bin ich es gewohnt, schnell von einer Aufgabe zur nächsten zu gehen. Meine Konzentration richtet sich normalerweise darauf Dinge zu erledigen und möglichst effizient zu sein. Während dieser Übung veränderte sich dieser Fokus.
Nach und nach merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Meine Aufmerksamkeit lag nicht mehr auf dem nächsten Schritt oder darauf, was noch erledigt werden musste. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das genaue Hinschauen. Ein kleines Stück Holz, ein Stein, ein Blatt oder ein Blütenblatt bekam plötzlich eine andere Bedeutung. Ich nahm Dinge wahr, an denen ich im normalen Alltag wahrscheinlich einfach vorbeigegangen wäre. Die Übung hat mir gezeigt, dass Aufmerksamkeit eine Form von Ruhe schaffen kann. Durch das langsame Gehen wurde auch mein Denken langsamer.
Nach ungefähr zehn Minuten trafen wir uns wieder im Seminarraum. Dort legten wir alle gesammelten Materialien zusammen. Anschließend bildeten wir Dreiergruppen. Jede Gruppe bekam einen Hocker, dessen Sitzfläche als Ablagefläche für ein gemeinsames Kunstwerk diente. Aus den gefundenen Materialien sollten wir etwas gestalten.
Unsere Gruppe entschied sich dafür, verschiedene Gegensätze miteinander zu verbinden. Wir bauten ein Lagerfeuer aus klein gemachten Stöckchen und zerbröseltem Papier. Daneben entstand eine Sonne aus einem Stein und Blütenblättern. Wir wollten einerseits das Chaos darstellen, aber gleichzeitig auch Frieden und Ruhe. Für uns gehörten diese Gegensätze zusammen. Die Natur kann chaotisch, unkontrollierbar und manchmal sogar zerstörerisch wirken. Gleichzeitig kann sie aber auch eine besondere Ruhe und einen Ort des Friedens geben.
Im Zusammenhang mit dem Thema „Harmlose Kraft / Harmlose Kunst“ fand ich besonders interessant, dass unsere Kunst aus Materialien entstand, die wir nicht aktiv aus der Natur herausnehmen mussten. Wir haben nichts zerstört und nichts abgerissen. Wir haben mit dem gearbeitet, was bereits da war und was wir gefunden haben. Dadurch entstand eine Art von Kreativität, die nicht auf Besitz oder Veränderung durch Gewalt angewiesen ist. Die Materialien hatten bereits eine Geschichte und eine eigene Form. Wir mussten sie nicht vollständig kontrollieren, sondern konnten mit ihren Eigenschaften arbeiten.
Auch die Übung selbst hatte für mich etwas von „harmloser Kraft“. Es war keine Kraft, die laut oder aggressiv war. Die Kraft lag in der Langsamkeit, in der Aufmerksamkeit und darin, bewusst nichts zu erzwingen. Gerade weil wir nicht schnell handeln und nicht sofort etwas produzieren mussten, entstand Raum für Wahrnehmung und Kreativität.
Besonders nehme ich aus dieser Erfahrung mit, dass Kunst nicht immer aus großen oder besonderen Materialien entstehen muss. Auch ein Stein, ein Blütenblatt, ein Stück Holz oder sogar zerbröseltes Papier können eine Bedeutung bekommen, wenn man sich bewusst mit ihnen auseinandersetzt. Die Übung hat mir gezeigt, dass manchmal schon eine kleine Veränderung der eigenen Wahrnehmung ausreicht, um die Umgebung und den eigenen Alltag anders zu erleben. Für mich war das langsame, schweigende Sammeln deshalb nicht nur eine kreative Vorbereitung, sondern bereits ein Teil der Kunst selbst.
Chantal S. / Seminarteilnehmerin Harmlose Kraft EVHN 2026


