Was ich vom langsamen Gehen gelernt habe

In diesem Gastbeitrag berichtet die Studentin Jamila H. von dem viertägigen Seminar „Harmlose Kraft“, geleitet von Anna Hielscher an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Sommersemester 2026. Danke für diese Einblicke und Reflexionen!

Eine Übung aus dem Seminar ist mir besonders im Kopf geblieben: das langsame Gehen. Die Aufgabe war eigentlich ganz einfach. Wir sollten so langsam gehen, wie es für uns möglich war. Trotzdem fand ich die Übung gar nicht so leicht und habe dabei einiges über mich selbst gelernt.

Als ich angefangen habe zu gehen, bin ich bewusst langsamer gegangen als normalerweise. Ich habe versucht, meine Schritte ruhiger zu machen und nicht so schnell zu laufen. Trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass ich wahrscheinlich noch langsamer hätte gehen können. Ich bin zwar langsam gegangen, aber wahrscheinlich noch nicht so langsam, wie es eigentlich möglich gewesen wäre. Genau dieser Gedanke ist mir nach der Übung besonders im Kopf geblieben.

Ich glaube, dass diese Übung viel mit meinem normalen Umgang mit Zeit zu tun hat. Ich bin manchmal etwas ungeduldig und möchte Dinge gerne schnell erledigen. Wenn ich eine Aufgabe vor mir habe, versuche ich oft, sie möglichst schnell fertigzumachen, damit ich danach direkt mit der nächsten Sache weitermachen kann. Dabei merke ich manchmal gar nicht, dass ich gedanklich schon wieder bei der nächsten Aufgabe bin. Während ich gerade eine Sache mache, denke ich schon darüber nach, was danach noch alles ansteht. Dadurch habe ich manchmal das Gefühl, ständig schnell sein zu müssen.

Die Übung hat mir dieses Verhalten noch einmal deutlich gezeigt. Plötzlich war das Gehen selbst die Aufgabe. Es ging nicht darum, schnell irgendwo anzukommen. Es gab eigentlich gar keinen Grund, sich zu beeilen. Die einzige Aufgabe war, langsam zu gehen und dabei bewusst wahrzunehmen, was gerade passiert.

Ich fand es interessant, wie ungewohnt das für mich war. Normalerweise denke ich beim Gehen überhaupt nicht darüber nach, wie ich mich bewege. Ich gehe einfach von einem Ort zum anderen und denke dabei wahrscheinlich schon über andere Dinge nach. Durch die Übung musste ich mich plötzlich auf meine Schritte und mein Tempo konzentrieren. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es mir gar nicht so leicht fällt, bewusst langsamer zu werden. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass ich schneller gehen könnte. Trotzdem musste ich mich bewusst dafür entscheiden, langsam zu bleiben. Genau darin liegt für mich eine wichtige Erkenntnis: Nur weil ich etwas schneller machen kann, heißt das nicht, dass ich es auch schneller machen muss.

Diese Erkenntnis kann ich auch auf meinen Alltag übertragen. Ich möchte meine Zeit oft möglichst gut nutzen und möglichst viele Dinge schaffen. Dabei mache ich mir manchmal selbst unnötigen Druck. Ich habe durch die Übung darüber nachgedacht, ob ich mir nicht manchmal einfach mehr Zeit lassen sollte.

Das bedeutet für mich nicht, dass ich ab jetzt alles langsam machen möchte. Es geht für mich eher darum, bewusster zu entscheiden, wann es wirklich wichtig ist, schnell zu sein, und wann ich mir auch einfach Zeit lassen kann. Vielleicht muss ich nicht jede Aufgabe sofort erledigen. Vielleicht muss ich auch nicht immer schon darüber nachdenken, was als Nächstes kommt.

Die Übung hat mir außerdem gezeigt, dass eine kleine Veränderung einen großen Unterschied machen kann. Gehen ist eigentlich etwas ganz Normales und Alltägliches. Aber sobald ich bewusst langsamer gegangen bin, habe ich diese ganz normale Tätigkeit plötzlich ganz anders wahrgenommen.

Für mich ist die Übung deshalb zu einer kleinen Erinnerung geworden. Wenn ich merke, dass ich wieder versuche, alles möglichst schnell zu erledigen, möchte ich mich daran erinnern, dass ich auch einmal langsamer machen darf.

Vielleicht ist es manchmal wichtiger, bewusst wahrzunehmen, wo man gerade ist, anstatt immer nur möglichst schnell dort anzukommen, wo man hinmöchte.

Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus der Übung: Ich darf mir Zeit lassen. Nicht jeder Weg muss schnell gegangen werden und nicht jeder Moment muss produktiv sein. Manchmal kann es genauso schön und wichtig sein, einfach langsamer zu werden und den Moment bewusst wahrzunehmen.

Jamila H. / Seminarteilnehmerin Harmlose Kraft EVHN 2026

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