Kohle

ein Gastbeitrag von Johannes Hielscher – vielen Dank!

Nicht weit von hier gibt es einen Wald. Dort suchen sich die Wurzeln der Bäume ihren Weg durch Bodenschichten, von denen eine auffällig dunkelgrau ist. Dieser Horizont ist aus ihren Ururururahnen hervorgegangen: aus einem Wald, der vor etwa 300 Millionen Jahren die Erde begrünt hatte.

Ich habe diesen Wald besucht, um mir eine Handvoll dieses seltenen Souvenirs aus der Urzeit auszuborgen. Eine Substanz, die bemerkenswerte Geschichten und bemerkenswerte Farbqualitäten aufbewahrt.

Eine schwarzgraue Schicht im Waldboden: Hier tritt ein fossiler Wald zu Tage. Fundort des im Text beschriebenen Kohlestücks im Wald Harmlose Kunst

Eine schwarzgraue Schicht im Waldboden:

Hier tritt ein fossiler Wald zu Tage.

Eine Erdfarbe. Das hört sich doch nach einer schönen, harmlose Geschichte an?

Nicht so voreilig! Die Steinkohle von Stockheim (nahe Kronach in Oberfranken) hat so viel mehr zu erzählen. Schon vor Jahrhunderten haben Menschen der Region Ausschau danach gehalten, wo in der Landschaft die Pflanzen kümmerlich wuchsen, geschwächt von Schadstoffen, die aus der Kohle austreten. Das wies Bergleuten den Weg für ihr schmutziges Geschäft. Ihre Gruben und Abraumhalden kann man heute noch deutlich sehen, vor Ort und auf Luftbildern.

Aus dem 19. Jahrhundert ist eine Beschwerde überliefert: die Bauern im Tal haben versucht, sich dagegen zu wehren, dass die stinkenden schwarzen Abwässer der Kohlegruben die Bäche vergiften und das Land unfruchtbar machen. Bis zu 1000 Kumpel haben hier geschuftet, und insgesamt schätzungsweise 5 Millionen Tonnen fossilen Kohlenstoffs zu Tage befördert. Sie bauten eine Seilbahn, um die wertvollen schwarzen Steine talwärts zu bringen. Und von dort wurden Eisenbahngleise bis ins Maintal verlegt.

Im Jahre 1968 war Schluss mit Kohle aus dem Frankenwald. Aber die Frankenwaldbahn gibt es noch immer. Heute bringt sie die Menschen dieser Region dem Rest der Welt näher – und so bin auch ich dorthin gekommen. Die Kohlen-Industrie als Wegbereiterin klimaneutralen Reisens: eine feine Ironie, von der ich erst vor Ort erfahren habe.

Die Frankenwaldbahn im oberen Haßlachtal; dort gibt es mancherorts nicht einmal eine befestigte Straße. Harmlose Kunst

Die Frankenwaldbahn im oberen Haßlachtal.
Dort gibt es mancherorts nicht einmal eine befestigte Straße.

Doch wieder zurück zur Kohle. Stockheim erinnert an seine geologische und bergmännische Geschichte: Seine ehemalige Zeche bietet ein Besucherzentrum, inklusive Stollen-Modell, ausführlichen Erklärungen und einem präparierten Aufschluss des Flözes. Tiefer im Wald, öffnet sich an einer unauffälligen und abschüssigen Stelle der Waldboden, und setzt den Flöz weniger spektakulär den Elementen aus. Regenwasser sickert durch die Schichten, Bäume und Würmer graben sich hindurch. Die schwarzen Steine zerbröseln und gehen allmählich in Waldboden auf – der Kreislauf des Kohlenstoffs schließt sich, dafür hat es eine gute Viertelmilliarde Jahre gebraucht!

Für mich das erste Mal, Kohle in den Händen zu halten, wie sie aus dem Berg kommt. Ein Kompost, den die Erdgeschichte für einen Moment vergessen hatte? Ja. Treibstoff des größten sozialen und ökonomischen Umbruchs der Geschichte, der das Fundament unseres Lebensstandards gelegt hat? Ja. Klima-Killer? Ja. Schwarze Finger? Ja!!!

Von roher Kohle zu einem Farbpigment

All diese Konnotationen lassen wir jetzt hinter uns, und wollen nun den materiellen Qualitäten dieses gräulichen Schotters auf den Grund gehen. Zuerst habe ich meine kleine Portion Frankenwald unter Wasser gesetzt (um Staubbildung zu vermeiden). Dann ging es dem Gemenge mit Pistill, Reibschale und Knirschgeräuschen an den Kragen. Die Fichtennadeln und Würzelchen bezeugen, dass der Wald schon begonnen hat, die Kohle zu verdauen. Das ist zwar authentisch, stört jetzt aber. Pinzette!

Material- und Farbbeispiel der Probe aus dem Stockheimer Kohlenwald. Harmlose Kunst

Bild in hoher Auflösung

Auseinandernehmen der Probe aus dem Stockheimer Kohlenwald (erste Zeile). Sie enthält organische Substanz wie Fichtennadeln (zweite Zeile), dunklen Sand und Kies (dritte Zeile), und den eigentlichen Kohlenstoff (vierte Zeile).

Auf Papier verreibt sich rohe Kohle zu einem schmutzigen Dunkelgrau (links oben), aber das daraus gewonnene Farbpigment hält sie ein sattes Schwarz mit warmem Unterton parat.

Rechte Spalte: Mikroskopischer Blick von der Trennung des Gemisches, hin zum glatten Pigment als Aquarellfarbe.

Die Kohle als Mineral ist sehr weich, und um sie staubfein zu vermahlen bedarf es kaum einer Anstrengung (für das Putzen hinterher gilt das jedoch nicht). Nach etwa 10 Minuten haben sich die grauen Brösel in einen glatten, schwarz glänzenden Brei verwandelt. Mit reichlich Wasser aufgeschlämmt, hält ein feines Sieb dann die sandigen Bestandteile zurück.

Das feinere Material wird durch Sedimentieren und Dekantieren weiter getrennt: Den Schlamm kräftig umrühren, und nach einigen Sekunden die Flüssigkeit vom Bodensatz abgießen. Feine Partikel sind in Schwebe geblieben, die (relativ) groben Bestandteile des Bodensatzes bleiben zurück – sie würden später hässliche Kratzgeräusche ergeben und vom Papier fallen.

Die Flüssigkeit überlasse ich nun einige Stunden sich selbst. Der Großteil der Kohlenbestandteile hat sich nun als schwarzes Sediment am Boden angesammelt. Nach einer Wiederholung des Vorgangs beschließe ich, dass der Bodensatz nun Pigment-Qualität hat. Eine tief schwarze, glatte und weiche Paste, die nicht mehr knirscht, und nach dem Trocknen in seidig glänzende Flocken zerbröckelt.

Die Kür liegt aber noch vor uns! Denn die volle Farbtiefe gibt es nur durch gründliches Anreiben. Vermischt mit Gummi Arabicum, ist es Muskelkraft und zwei rauhe Glasflächen, die die mikroskopischen Kohlenflitter immer weiter zerkleinert, und dabei eine Aquarellfarbe entstehen lässt.

Welche Farbe hat Kohle?

Diese Frage muss ich mit einem selbstbewussten „Ja!“ beantworten. Ist Kohle schwarz? Ja. Ist Kohle bunt? Ja! Die ursprüngliche, halb verwitterte Kohlen-Erde ist bei weitem nicht so dunkel wie der Ruf der Steinkohle. Auf Papier aufgerieben erinnert sie an harte Bleistiftminen.

Der davon abgetrennte Sand glitzert im schönsten, tiefsten Schwarz. Aber war das nicht eigentlich Abfall?

Das gereinigte Pigment wiederum ist zunächst silbrig grau, aber als fertige Farbe lässt sich ihm ein sattes, beinahe mystisch tiefes Schwarz entlocken. In Lavierung zeigt die Farbe sanfte Granulation, und öffnet sich dabei zu subtilen, schwer zu verortenden Untertönen zwischen Oliv, Umbra und Sepia, was an altmodische Schwarzweiß-Fotografien erinnert. Dieses Farbenspiel findet man im Waschwasser des Pinsels ebenso wieder. Eine Wonne, sich auf das Temperament dieser charakterstarken Farbe einzulassen.

Der Mikroskop-Blick

Die rohe Kohlen-Erde ist ein wildes Mischmasch, von allem ist etwas dabei. Aus dem abgetrennten Sand wirken die Körner in Vergrößerung fast schon sperrig, und sehen, ehrlich gesagt, für das bloße Auge fotogener aus. Von der grazilen Erscheinung der Fichtennadeln will ich mich hier und heute nicht ablenken lassen.

Ein echtes Erlebnis ist die Erkundung der Mikrowelt einer aufgetrockneten Farbe. Die Partikel sind zu fein, um sie einzeln zu sehen, aber sie sammeln sich zwischen den Papierfasern an, werden aufgesogen, mitgerissen, abgeladen, und dabei gelegentlich sogar farblich sortiert. Immer wieder finden sich rötliche und gelbliche Einsprengsel, und schimmernde Graphit-Schuppen. Wellen und Plateaus, scharfe Ränder und diffuse Wolken. Hinter jeder Kurve ein neues Abenteuer. Ein Mikrokosmos, der dem bloßem Auge verschlossen bleibt – aber am Ende ist die Gesamtheit des Eindrucks dann doch daraus zusammengesetzt.

Wo ist der richtige Platz für diese bemerkenswerte Farbe? Eingesperrt in einen Wasserfarbkasten? Verteilt auf Papier, jenem Luxusgut, das so verschwenderisch mit Faserpflanzen, Chemie und Wasser umgeht? Hätte sie besser den Heizkessel einer Dampflokomotive befeuern sollen? Oder den eines Kraftwerks? Stahl erschmelzen für neue Eisenbahnschienen? Oder hätte ich sie vor Ort lassen sollen? Wovon hätte dieser Artikel dann gehandelt?